Mal ehrlich, wir reagieren alle oft aus unserer persönlichen Geschichte heraus. Wenn unser Gegenüber aus seiner Geschichte handelt, machen wir häufig einen entscheidenden Fehler. Wir machen das Gleiche: Wir reagieren auch aus unserer Geschichte heraus. Und plötzlich reden wir beide aneinander vorbei, hören uns nicht wirklich zu und keiner wird gesehen oder gehört, obwohl es das Einzige ist, das sich beide wünschen. Ein hilfreicher Schritt ist seine eigene Geschichte zu erkennen, neu zu wählen und dann anders zu reagieren.

Was ist das Enneagramm?

Das Enneagramm ist ein Persönlichkeitsmodell, dass neun verschiedene Persönlichkeitsstrukturen oder -typen beschreibt. Jeder Typ ist einzigartig. Keiner besser oder schlechter als ein anderer. Im Grunde beschreibt das Enneagramm neun Ego-Strukturen, also wie wir unser Ego aufrechterhalten und unsere Identität verteidigen.

Warum liebe ich das Enneagramm so?

Ich habe das Enneagramm kennengelernt, als ich 14 war und mein Papa von seinem ersten Seminar zum Enneagramm-Lehrer nach Hause kam. Ich war sofort fasziniert, aber auch beleidigt, nach dem ich meinen Typen erfahren habe. Irgendwie habe ich mich ertappt gefühlt. Trotzdem hat es mich total gefesselt, sodass ich nie wieder aufgehört habe mich damit zu beschäftigen. Ich habe Bücher verschlungen, von meinem Papa gelernt zu typisieren und achtsam mit dem Werkzeug umzugehen und es immer tiefer zu begreifen. Ich habe das Enneagramm sicher in der Theorie verstanden aber vor allem habe ich es erlebt. Bei uns zu Hause wird viel darüber gesprochen und es gab und gibt regelmäßige Enneagramm-Sitzungen in unserem Wohnzimmer. Dieses Gefühl, sich ertappt zu fühlen, liebe ich bei der Arbeit mit dem Enneagramm. So komm ich mir immer wieder selbst auf die Schliche.

Mein Beziehungsretter

„So kann man doch nicht handeln.“ Diesen Satz kennen wir alle nur zu gut. Ein Mensch tut etwas bzw. tut etwas nicht und wir verstehen es einfach nicht. „Das geht so nicht. Das kann er doch nicht ernst meinen.“

Die Wahrheit ist: Doch kann er und selbst wenn man es selbst einfach nicht verstehen kann, hat der andere dafür immer einen guten Grund. Dieser Grund mag unbewusst und nicht verständlich für Dich sein, aber der gute Grund ist da. Ich plädiere nicht dazu, alles immer zu akzeptieren und als in Ordnung abzutun, um Konflikt zu vermeiden (das wäre zwar der Grundzug meiner Enneagramm Fixierung, aber da bin ich zum Glück immer seltener ;)), sondern einfach mehr Verständnis für den inneren Antrieb des anderen zu entwickeln.

Mitgefühl für einander

Wenn ich es wirklich schaffe, den anderen anzunehmen, mit seiner Ego-Struktur, auch wenn sie vielleicht anders als meine manifestiert ist, passieren Wunder. Diese Ego-Struktur macht uns in erster Linie menschlich. Die haben wir alle. Wir haben alle im Grunde irgendwo Angst davor, nicht gut genug zu sein. Lass uns der Einfachheit halber sagen, das ist die Wurzel des Egos. Das beruhigt mich immer wieder ungemein. Egal wer gerade vor mir steht, dieser Mensch hat, genau wie ich, Angst davor, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Die Art und Weise mit dieser Angst umzugehen ist grundverschieden. Die Motivation hinter der Strategie ist grundverschieden. Und auf den ersten Blick nicht mal ersichtlich. Immer wenn ich es schaffe, mein Ego loszulassen, mich ganz auf den anderen einzulassen und auch hinter sein Ego zu sehen, entsteht wirklich Frieden und dann kommt es zu Lösungen, die kein Ego kreieren kann 😉

Selbsterkenntnis

Auch nach 16 Jahren Arbeit mit dem Enneagramm, lese ich manchmal über meinen Typ in einem Buch und denke: „Scheiße, das stimmt. So ticke ich wirklich. Das ist das, was in meinem System abläuft und was ich mich, in bestimmten Momenten, auf eine bestimmte Art und Weise, handeln lässt.“

Stärken-Kompass

Worin bist Du natürlich gut? Was fällt Dir leicht? Was kann die Welt durch Dich lernen und was kannst Du der Welt geben?

Fallen-Kompass

Was sind Deine Fallen, die Dir das Leben unnötig schwer machen? Welche Rolle kannst Du aufgeben, um wirklich entspannt durchs Leben zu gehen?

Achtsamkeit mit dem Enneagramm

Ich habe Freunde von mir interviewt, die ich viele Jahre kenne und die ich nur mit Hilfe des Interviews typisieren konnte. Es ist wirklich wichtig, achtsam mit diesem Werkzeug umzugehen und es nicht zu missbrauchen. Es geht nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern sich selbst zu erkennen und dabei geht es immer um das Warum dahinter. Was ist der Antrieb, der den Menschen so handeln lässt? Es gibt viele Typen die konfliktscheu sind – die Frage ist nicht „Bist Du konfliktscheu?“ Ja oder nein? Sondern: Warum bist du konfliktscheu?

Wie wir das Enneagramm nicht benutzen sollten

  • Um uns weiterhin zu verteidigen und sagen zu können „Ich bin halt so, ich bin Typ X“
  • Um uns mit anderen zu vergleichen
  • Um über andere zu urteilen

Die große Gefahr beim Enneagramm ist das Schubladendenken. Das ist gefundenes Fressen für unseren Verstand, der wieder bewerten und einordnen kann. All das ist wieder Ego-Quatsch und sorgt mehr für Trennung als für Wachheit und liebevolles Miteinander. Kein Typ ist besser oder schlechter. Alle Typen beschreiben Ego-Strukturen, aus denen wir uns idealerweise mehr und mehr lösen. Egal in welcher Ego-Identität Du „zuhause bist“, es ist eine Ego-Identität und daher nicht Deine wahre Identität.

Häufige Fragen zum Enneagramm

Kann ich nur ein Typ sein?

Du hast eine Grundfixierung. Die Typen sind allerdings untereinander auch miteinander verbunden. Es gibt weitere Zusammenhänge und Bewegungen im Enneagramm, aber Du hast eine Grundfixierung.

Bleibe ich immer ein Typ?

Ja, Deine Fixierung ändert sich nicht. Kein Typ ist besser oder schlechter als ein anderer. Die Fixierungen beschreiben wie gesagt nur eine Grundart, wie man „eingeschlafen“ ist. Sozusagen die Grund-Überlebensstrategie. Ziel ist nicht, eine neue Überlebensstrategie zu entwickeln, sondern zu erkennen, dass man nicht im Überlebensmodus sein muss und sich entspannen und das Leben genießen kann.

Wie finde ich jetzt schnell meinen Typ raus?

Ich sehe hier bewusst davon ab, die neun Typen zu beschreiben, da ich finde, ich kann dem in einem Blogbeitrag nicht gerecht werden. Wir können allerdings, wie erwähnt, von allen Mustern lernen. Daher habe ich Fragen zum Reflektieren für Dich vorbereitet. Das Enneagramm dient schließlich dazu, sich selbst kennenzulernen und zu entwickeln. Wenn du mehr über das Enneagramm lernen willst, findest Du weiter unten mehr Infos.

Fragen, um selbst Dich zu erkennen

Ich ordne hier bewusst nichts einem bestimmten Typen zu – nimm einfach die Fragen, die Dich ansprechen oder die Fragen, die Du bewusst vermeiden willst. 😉

  1. Würdest Du gerne häufiger Nein sagen? Warum tust Du es nicht? Was passiert, wenn Du Ja sagst und eigentlich Nein meinst?
  2. Bist Du belehrend? Wie könntest Du das zum Positiven nutzen, ohne andere zu nerven?
  3. Unterstützt Du gerne andere? Wie gut unterstützt Du Dich selbst? Wie spürst Du Deine Bedürfnisse?
  4. Was tust Du alles, um von anderen gesehen und anerkannt zu werden?
  5. Deine Gefühle und Du: Verlierst Du Dich oft in Deiner Gefühlswelt und in Deinem inneren Drama? Könntest Du Dir vorstellen, Frieden mit Deinen Gefühlen zu schaffen und sie weniger wichtig zu nehmen? Ja, vielleicht sogar zu erkennen, dass Du nicht Deine Gefühle bist?
  6. Ziehst Du Dich gerne zurück? Wenn ja, tust Du es um aufzuladen oder um in Deine Welt zu fliehen und Menschen bewusst zu vermeiden?
  7. Gibt es Zweifel, die Dir Energie rauben? Wie entsteht Vertrauen bei Dir?
  8. Wie vermeidest Du Deiner Unsicherheit?
  9. Wie wäre es, nicht länger zu kämpfen?

Du willst mehr Enneagramm?

Ich bin kein Freund von Onlinetests, da es bei der Fixierung immer um das Warum dahinter geht. Diese Art von Interview kann ein Onlinetest meiner Meinung nach nicht abdecken. Daher bin ich ein Fan von mündlichen Enneagramm Interviews. Falls Du Interesse hast, Deinen Typen herauszufinden, kann ich gerne so ein Interview mit Dir führen. Wenn Du gerne mehr erfahren will, wie wir zusammenarbeiten können, buche Dir einfach hier ein kostenloses Kennenlernen. Egal ob mit oder ohne Typisierung: Das Enneagramm ist ein Selbst-Studium. Am besten tauchst Du in die Thematik ein und liest über alle Typen und erkennst Dich überall wieder. Du hast eine Grundbewegung, kannst aber grundsätzlich von allen neun Typen lernen und je achtsamer Du mit dem Enneagramm umgehst, je mehr erkennst Du Dich in allen Typen und kannst Deinen Weg wählen, wie Du die Strategien erkennen kannst.

Meine Lieblingsbücher zum Enneagramm

Das spirituelle Enneagramm von Eli Jackson-Bear

Eli beschreibt das alte Wissen des Enneagramms mit viel Leichtigkeit und Einfachheit und ist einer der größten Enneagramm-Lehrer der heutigen Zeit. Das Buch ist mein Alltime-Favorite!

 

Neun Weisen, die Welt zu sehen von Jürgen Gündel

Jürgen Gündel beschreibt die neun Fixierungen anhand von neun Interviews, die sehr persönlich und leicht nachzuvollziehen sind. Ein sehr strukturiertes Buch, in dem ich auch immer wieder blättere!