Was hat die deutsche Geschichte eigentlich mit mir zu tun? Meine Opas waren als Soldaten im Krieg. Irgendwie fasziniert mich diese Zeit. Es fühlt sich so weit weg und so unvorstellbar an und doch hat sie mehr mit uns, der dritten Generation  zu tun, als wir vielleicht denken. Ich finde wir sollen alle individuell schauen, was können wir aus der Geschichte lernen.

Mein Opa hat immer gesagt, das Schlimmste für ihn war es, zu realisieren, dass er da etwas so blind gefolgt ist. Diesen Gedanken möchte ich in mein Leben lassen. Ohne meine Augen zu verschließen vor dem, was war und ohne in Angst zu sein, dass etwas Ähnliches wieder passieren könnte.

Es geht für mich darum, dass wir uns in regelmäßigen Abständen zurücknehmen, innehalten und überprüfen, ob das, was wir gerade tun oder nicht tun, uns selbst entspricht. Warum tun oder lassen wir etwas? Und mal ganz unabhängig davon, welcher Partei wir folgen, welche Einstellung wir zu Flüchtlingen haben und das Menschlichkeit und Mitgefühl sowieso ganz oben auf unserer Werte-Liste stehen sollten, um so etwas Furchtbares wie den Holocaust nicht nochmal zu erleben, dürfen wir das Credo des „nicht blind folgen“ auch für kleinere, vermeintlich unkritischere Bereiche verwenden: Welches Studium möchte ich machen? Möchte ich studieren? Wie will ich arbeiten? Wie will ich mich ernähren? Wie will ich leben? Wie will ich lieben?

Es geht darum, sich frei zu machen, von dem, was alle machen und Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Und zwar ganz. Mitlaufen heißt Verantwortung abgeben. Wir sollen aufhören andere verantwortlich zu machen um dann im Zweifelsfall auch die Schuld abgeben zu können. Vor allem wir, die dritte Generation nach dem Krieg, sollte Verantwortung übernehmen: Was kannst du persönlich aus der Geschichte lernen?

Ich glaube meine beiden Opas würden meine Worte unterschreiben und mich unterstützen meinen Weg zu gehen ohne der Masse zu folgen.

Meine Großeltern konnten das in vielen Bereichen nicht. Dass der Fokus nach dem Krieg auf Sicherheit lag und angstgetrieben war, ist nachvollziehbar und war zu großen Teilen auch notwendig, um diese Basis, die wir heute oft als selbstverständlich ansehen, zu schaffen. Dafür bin ich meinen Großeltern unendlich dankbar. Dafür, dass sie einen unbändigen Willen hatten zu leben, „heim“ zu gehen nach dem Krieg und trotz allem Grauen, anderen Menschen in ihrem Leben eine Chance gegeben haben, wieder geliebt haben, Kinder bekommen haben, sodass ich heute hier sein kann. Hier in einer Welt, in der die Grenzen ein Stück offener werden, in der zu größten Teilen für mich gesorgt ist, auch wenn ich morgen keinen Job mehr habe. Ich muss dem Nummer 1 Wert Sicherheit von Oma und Opa nicht mehr folgen. Weil sie Sicherheit für mich geschaffen haben. Mit der Basis der Sicherheit kann ich mich leichter selbst verwirklichen und mir die Fragen stellen, was ich will. Ich habe eine Wahl. Viel mehr Wahlmöglichkeiten als Oma und Opa. Ich kann Verantwortung dafür übernehmen, dass ich meine Wahrheit zum Ausdruck bringen kann. Und ich bin mir sicher, dabei würden mich alle meine vier Großeltern unterstützen.

Ich bin euch unendlich dankbar.

Liebe,

Nora